Erich Leitner - Banater-Marienfelder-Erinnerungen

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Erich Leitner

Impressionen



Impressionen von Marienfeld, bei einem Besuch 2016, von Erich Leitner

Von Erich Leitner geschrieben der die Heimat besuchte.
Der Plan, Marienfeld mit einem Besuch zu ehren, entsprang nicht einem irgendwie empfundenen Heimweh. War eher Doppelergebnis von stiller Neugier und Bedenken, eine womöglich letzte Besuchsmöglichkeit zu verpassen, wenn eine Reise ohnehin durch das Banat führt.

Auf dem Weg von Canad nach Nero war der Weg nach Groß-Sankt-Nikolaus nicht gleich zu finden. Die Straßen sind besser als früher. Und schnell von Nero kommend zeugte der Sportplatz von der Ankunft im Ort Marienfeld. Trotz Sonnenscheins und eines herrlichen Herbsttages war die Empfindung untröstlich. Bewohnte Häuser, Dächer, Fassaden, verlassene Häuser, teils verschwundene Gebäude, Flächen zwischen Gehwegen und Straßen, sind nur unangenehme Anblicke. Viele Häuser stehen da ohne Putz an Front-und Rückwänden.

Wenig Menschen waren an einem Arbeitstag auf den Straßen zu sehen, gegenüber dem Gemeindehaus standen Leute, die sicher keiner Arbeit nach gehen, nicht auf Besucher warteten und eifrig mit dem Dorfpolizisten plauderten. Vor der Ex-Klosterschule fragte ein Mann, wen wir suchten, ob wir Hilfe bräuchten. Nein danke, keine Hilfe nötig.

Nach 55 Jahren Abwesenheit war es sehr schwierig, Häuser den Ex-Bewohnern zu zuordnen. Es gibt keine artesischen Brunnen mehr, teils auch keine Spuren der ehemaligen Brunnen in der Mokriner Straße. Mit Mühe war das Geburtshaus, das Haus der verbrachten Kindheit, zu erkennen. Da es wuchtig umgebaut worden war. Die Häuser erscheinen heute klein, nieder, geduckt, wie von Elend gebeugt. Als knieten diese. Vor langer Zeit wohnten fleißige und stolze Menschen dort. Es war bescheiden, geordnet, der Arbeitsgegenstand der Bewohner waren Rebenpflanzen und Weinproduktion. Arbeit ohne Ende für alle.

Die Erstansiedler kamen 1769, viele in 1770, und in 1771 waren alle Häuser belegt. In den ersten Dekaden nach der Ansiedlung ist über den Weinbau wenig überliefert. Unter den Siedlern waren viele, die sich in ihrer alten Heimat mit Weinbau beschäftigten. Die Menschen brachten ein spezifisches Know-how mit in den Ort, entwickelten dieses weiter, passten Rebsorten und Arbeitsverfahren dem Boden und Klima an. Der Ort wuchs, zog Menschen an. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges wohnten 3200 in Marienfeld.

Dann gingen sie fort. Wissen, Fleiß, Ordnungssinn, Disziplin nahmen sie mit ihrem Grundcharakter mit. Andere kamen. Dieser Bevölkerungstausch ist ein Unfall der Geschichte, aber ein solcher wie mit Fahrerflucht für den Ort. Im Herbst 2014 wurden die letzten Rebstöcke entfernt. Diesem traurigen Ereignis widmete gerade ein rumänischer Agraringenieur einen emotionalen Bericht. Jetzt scheint es im Ort keine Arbeit zu geben, keine Dauerläuferbrunnen, keine Rebstöcke, keine Trauben, keine Fässer und kein Wein. Es gibt keine Fertigkeiten mehr, durch Weinbau die Erlöse pro Hektar zu mehren. Der Weinbau war arbeitsintensiv und band viele Arbeitskräfte.

Der Ort ist jetzt zu groß, hat zu viele Häuser und beherbergt zu viele Menschen. Bei enorm gestiegener Produktivität sind für die riesigen vom Weinbau befreiten Agrarflächen wenige Arbeitskräfte nötig. Und stattliche Traktoren, geeignet für eine mechanisierte Landwirtschaft, waren zu besichtigen. Rückbau wäre angesagt. Es kann kaum genug Geld geben, Häuser und Infrastruktur zu sanieren und zu erhalten. Als Museum im Verfall wäre der Ort ungeeignet.

Den Nachbewohnern wurde der Ort geschenkt. Doch diese Jetztmenschen lassen den geschenkten Ort verkommen. Sie nicht, die nun fort sind, hatten sich Jahrhunderte angestrengt. Der Park allein spiegelt die Misere. Übrigens der sich im Park verirrte russische Soldat ruht immer noch in seinem Parkgrab.

Das Kirchdach schien abgedichtet zu sein. Doch der Eingang vom Kirchgarten zur Sakristei ist zugemauert. Ministranten gingen früher die Treppe runter in den Garten, um den Weihrauchkessel zu befeuern. Die Fassade, Gartenseite, der Kirche sieht schlimm aus. Der Anblick des Pfarrhauses samt Garten stimmt traurig. Würde der Gemeindepfarrer Adam Zens heute seinen Garten sehen, er würde wohl kaum nüchtern dieses Chaos ertragen können. Ja früher, gab es im Kirchgarten Aprikosen, wohlschmeckend, da der liebe Gott deren Gedeihen begünstigte. Und derselbe Gott drückte beide Augen zu, wenn wir Kinder einige aus dem Garten stahlen.

Im Friedhof wohnen nur frühere anständige Menschen. Mauern, Gräber, Grüften, Kreuze u. a. sind jetzt verrutscht, verschoben, ähnlich nach einem Erdbeben. Da die Erdbeben in den letzten 50 Jahren nicht die Schäden verursacht haben können, wäre eine Erklärung, dass die Toten, allein und verlassen geblieben, die Friedhofsordnung selbst stören. Es ist kaum zu beschreiben. Die Menschen gingen fort und ließen ihre Toten zurück. Und weil man überall in Friedhöfen bezüglich der lebenden Angehörigen Schlüsse ziehen kann, fällt der Schluss nicht günstig aus. Die Toten haben es nicht verdient, in einem Ruinenfriedhof zu liegen, schließlich haben einst  die Angehörigen deren Tod beweint und betrauert. Nun sind die Toten in ungepflegten Gräbern sich selbst überlassen, allein geblieben. Und haben keine Hoffnung auf ein Ende des Zustands, viele ohne Hoffnung auf Besuch ihrer Angehörigen. Es wäre besser, die ungepflegten Gräber aufzulösen.

Erich Leitner





Gedanken über Marienfelder Mütter

Vor einiger Zeit teilte ich Ausgewählten mit, dass es meiner Mutter nicht (mehr) gut ginge. Eine Verschlechterung in Eile.  Darauf erhielt ich feinfühlige Bekundungen des Verständnisses, die mich bewegten und  gedanklich beschäftigten. So schrieb Helga, sie könne mich gut verstehen, die Mutter leiden zu sehen, nicht helfen zu können, geplagt von einem schlechten Gewissen, vielleicht doch nicht alles getan zu haben. Helen fragte, welche therapeutischen Möglichkeiten es noch gebe, um das Leiden zu lindern? Gertrud schrieb wie oft sie fuhr, ihre Mutter zu besuchen, ging besorgt, auch mit schlechtem Gewissen, nicht länger geblieben zu sein. Gabi schrieb, es soll ihr doch gut gehen, sie soll so willen stark bleiben. Herta meldete sich und wünschte Kraft, die notwendig sei, das durch zu stehen, sie hätte solches schon hinter sich. Franz sagte einmal, frage deine Mutter bevor es zu spät ist, er hätte es sehr bedauert seiner Mutter viele Fragen nicht gestellt zu haben. Stefan rief an, sagte, ich solle bedenken, dass von unserem Jahrgang außer mir niemand mehr eine Mutter habe. All das und anderes mehr ließ den Entschluss reifen darüber zu schreiben, jetzt, über die Mütter in unterschiedlichen Ausprägungen und aus verschiedenen Blickwinkeln.

Mein Opa flehte gelegentlich in verzweifelten Momenten, gegen den Himmel gerichtet, rief, Mutter warum hast du mich so früh allein gelassen. Seine Mutter starb als er ungefähr sieben Jahre alt war. Er wuchs wohl in einer gedrückten Stimmung bei einer Tante auf, vielleicht mit Eigenschaften einer Stiefmutter, oder er zumindest die wahre Mutterliebe vermisste. Übrigens im Ungarischen wird der Mutter noch „süße" vorangestellt,  also süße Mutter. Bevor Kinder Mutter sagen können sagen sie Mama, Mam-ma, Mam-ma, in Text und Wort können die unterschiedlichen Gefühlsvarianten nicht gut ausgedrückt werden. Aber in Sprache und Gesang können Emotionen rührend übertragen werden: Maa-maa, Heintje, vielleicht vor vierzig Jahren, sang das Lied bis zur Tränenrührung. Ebenso sangen alle Tenöre der Welt das italienische Volkslied Maaa-ma. Die Tochter meines Cousins sang es am Geburtstag ihrer Mutter.   

Eminescu setzte mit dem Gedicht „O Mama", seiner Mutter ein Denkmal. Er trauerte mehr um seine Mutter, als nach dem Tod seines Vaters. Das Originalgedicht ist ein Kunstwerk in drei möglichen Varianten über den Tod seiner Mutter, über den seinen vor dem Ableben seiner Mutter und über ein Sterben zusammen mit ihr. Die Übersetzung, eigentlich mehr Nachdichtung, doch ausgezeichnet auch diese, lautet auszugsweise: „Oh, Mutter, liebste Mutter, aus Nebeldunkelheit … rufst mich in deine Ewigkeit; … Zweige rauschen … als sprächen sie dein Wort … Sie werden ewig rauschen, du ewig ruhest dort."  

Ein anderer großer Rumäne kommt hier nicht gut weg. Pacepa, ex-Geheimdienstchef von Ceausescu, nach seiner Flucht in die USA schrieb 1988 in dem Buch „Rote Horizonte", dass die Mutter Ceausescus nachmittags bis abends im großen Hof saß, um ihren Sohn nach dessen Feierabend wenigstens zu sehen. Sie sah ihn, doch er grüßte sie nicht immer, ging mit anderen an ihr auf der Bank sitzend vorbei, schenkte ihr keine Aufmerksamkeit.

Die Kaiserin Maria Theresia wurde vor 300 Jahren 16fache Mutter, verteilte ihre Liebe auf ein Dutzend überlebende Kinder. Die heutige Königin von Europa mit DDR-Vergangenheit ist keine Mutter geworden. Die Mutter der fünf Söhne von Amschel Meier, später als Bankerfamilie Rothschild bekannt geworden, verabredete angeblich mit ihren Söhnen, durch Darlehen keine Kriege mehr zu finanzieren. Friede kehrte ein, das bewirkte eine seinerzeit einfache Vielfachmutter. Napoleon musste angeblich aufhören Kriege zu führen, weil die Mütter in  einen Geburtenstreik traten und es als Folge zu einem Mangel an Soldaten kam.

Maria ist im christlichen Glauben die berühmteste Mutter: Heilige Maria, Mutter Gottes, wurde von Gott ausgewählt und unter allen Menschen ausgezeichnet. Es gibt keine vergleichbare Mutter, eine solche Ehre wurde nicht einmal den Engeln zuteil.

Ja, eine Mutter ist für immer und ewig eine Mutter. Und ihr Kind ist für immer und ewig ihr Kind. Das ist das Schicksal der Mutter und des Kindes.

Interessant ist, Mutter heißt das Maschinenelement, das zu der Schraube passt. Die Logik versagt jedoch, das Paar der Mutter in der Technik ist nicht der Vater, sondern die Schraube. Ohne Muttern, Plural der Technikmutter, gibt es keine Technikprodukte. Also hat die Mutter im Leben eines jeden Menschen und in der Technik überragende Bedeutung. Unseren Lebensraum verdanken wir übrigens der Mutter Erde.   

Mütter können komplizierte Arten von Schmerzen, und Abwesenheit von solchen, durchleben, wenn sie altern. Und alles Leben ist doch die Vorstufe des Alters. Ja, eine Mutter hat man nur einmal. Meine Mutter war die erste Mutter in meinem Leben, ich konnte zu Recht glauben, dass Mütter so sind. Sie sind so, dass wir sie Mama rufen. Die Mütter beschäftigen sich immer mit uns, mit ihren Kindern. Sie achten auf ihre Kinder, sind glücklich wenn es ihnen gut geht. Wenn sich Erfolg nicht einstellen will, niemand das Bemühen des Kindes positiv beurteilt, die Mutter findet wirkungsvolle und tröstliche Worte.

Mütter können leiden, in Traurigkeit, den ständigen, unversiegbaren Schmerz ertragen. Mütter können Kinder trösten, diesen erklären, dass man weder die Welt als Ganzes, noch eine Teilmenge von dieser in Besitz nehmen kann, dass man mit Winzigem auch glücklich leben kann, sie können die Welt hinreichend erklären, dass man überzeugt wird, mit wenig Üppigem zufrieden zu leben. Sie können Kinder überzeugen, dass jeder mit ihr verglichen langsamer ist als sie.                

Die Haarfarbe meiner Mutter wurde nicht früh grau. Andere Frauen hatten Angst vor dem Grauwerden. Sie ließ später silberne Strähnen auf ihrem Kopf zu. Das machte sie nicht älter, nur würdevoller. Ob nun jünger oder später ergraut, die Würde prägt die Erscheinung. Ja die Würde hat sie geprägt, die Fröhlichkeit hatte sie längst eingebüßt. Sie konnte eher traurig sprechen und heiter schweigen. Man kann mit ihr über den Alltag, die Finessen des Kochens, über Politik, über Türkenkriege und über das Kastensystem ihres Geburtsortes sprechen. Reiche Bauern gab es, dann die Mittelschicht der Handwerker und Händler und  die dritte Schicht, für die es angeblich in Zügen die 3. Klasse gab. Das waren Taglöhner, Knechte und Mägde. Sie ist jedenfalls außerstande eine Frage nicht zu beantworten. Eine Frage muss beantwortet werden auch "ich weiß nicht" ist eine Antwort. Oder mit einer Gegenfrage.

Später werden Mütter real doch langsamer, die Gedanken schweifen umher, essen weniger und beginnen aktiv Erinnerungen zu vererben, wollen Erlebtes der Nachwelt weitergeben. Das geschieht oft in Wiederholungsschleifen, betonen die nötige Achtsamkeit, um durch Aktion oder Unterlassen im Leben keinen Schaden zu nehmen. Ginge dies, dann würden Mütter die Umgebung so beeinflussen, dass ihre Kinder auch nach ihrem Tod geschützt sind. Mütter wären ideale Schutzengel, hätten sie nur ewige Flügelschläge.

Das entstandene Elend für Familien und Kinder wurde nicht ausreichend thematisiert, als nach dem letzten Krieg viele Väter nicht mehr zu ihren Kindern zurückkehrten, entweder weil sie gefallen, vermisst oder in Deutschland, USA, Argentinien oder Australien weiter lebten. Es waren zu viele Rumpffamilien, in denen die Mütter nimmermüde schufteten, die Kinder mit den Großeltern durch zu bringen. Manche hatten sogar Hunger gelitten. Meine Mutter hielt die Erinnerung an den Vater wach, zeigte Fotos und beschrieb ihn als Mann mit achtenswerten Eigenschaften. Doch als nach 18 Jahren Trennung das Treffen im Lager nahte, war die Mutter nicht mehr sicher, ob der Vater dem gezeichneten Bild noch entsprach. Doch mein Vater war ein anständiger Mann, verstarb schon vor 32 Jahren. Obwohl verheiratet mit meinem Vater, später verwitwet, lebt meine Mutter schon 50 Jahre ohne ihn, entwickelte Energien wie zwei Mütter, wenn schon nicht wie Frau und Mann zusammen.

Den Müttern, die in Marienfeld ihre Kinder als  quasi Halbweisen aufgezogen haben sollte man ein Denkmal im Ort errichten. Ähnlich der Dreifaltigkeit im Park aber mit Abbildungen jeder Heldin. Zeichen, ob diese Mütter sich für ein, zwei oder gar drei Kinder aufopferten dürfen nicht fehlen. Sie hatten unglaubliche Schicksale durchlebt. Es wuchsen sogar Kinder auf, deren Väter nicht mehr heimkehrten und deren Mütter in die Sowjetunion verschleppt wurden. Das war die unübertroffene Steigerung von Langzeitschmerz. Da kam die Frage auf, warum der Herrgott das zuließ? Weil er das nicht verhindert hatte, reicht es, ihn nur Gott, ohne Herr zu rufen, also die kargere Bezeichnung zu benutzen.

Die Mütter machten „Karriere" in dem landwirtschaftlichen Staatsgut und im Kollektiv und begannen mit ansteigenden Anstrengungen den Sozialismus aufzubauen. Als dieses sozialistische System begriff, sich eingestand, dass es Geld gibt, dass Geld als solches existiert, da nahm es zögernd zur Kenntnis, dass es das außerhalb der engen Welt gab. Ob so dennoch ein Leben möglich war, wurde vieldeutig verschwiegen. In einer Diktatur können die einfachsten Dinge kompliziert sein und komplexe Probleme unlösbar. Die Lage war bedrückend und dass die Partei freiwillig Grundlegendes änderte, oder später nach dem Einsturz des Kommunismus, die Lebensverhältnisse sich merkbar änderten dafür gab es keine Hoffnung. Deshalb der Wegzug in eine andere Welt, aller, auch der Heldinnen, die Mütter.  Mit nur tragbarem Hab und Gut. Sie gingen wie sie kamen.  Das Dorf den Neubewohnern, mit allem in 300 Jahren Erarbeitetem, geschenkt. Die Mütter setzten es in der neuen Welt  fort Mütter zu sein. Rastlos, zielstrebig, achtsam und nimmermüde.

Erich Leitner
Augsburg den 27.01.17
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                



„Weingärten in Portugal, erinnern an die alte Heimat Marienfeld“

Ich war einige Tage in Portugal, sah dort Weinreben, Trauben, auch Sorten die wir kannten, und, ich dachte an Marienfeld. Diese Erinnerungen nehmen wir mit, wenn wir gehen. Weiter vererben können wir diese nicht. Nicht mehr. Nicht einmal auffrischen lassen sich die Erinnerungen. Weil, ja weil, es keine anzuschauenden Reben mehr gibt. Jetzt, wo die Reben dort nicht mehr sind, jetzt, stelle ich fest, dass unsere Vorfahren diese dorthin mitnahmen, oder sie dann dorthin holten. Als wir Kinder waren, waren die Reben überall, als hätte der liebe Gott die Gegend mit Reben geschmückt. Als hätte es sonst keinen Platz mehr gegeben die Reben in der Landschaft unterzubringen. Im Herbst roch es nach Mostmantsche, oder es roch nach den Fässern in den Kellern, der Most fermentierte … zu Wein. Alle tranken ihn gerne. Manche verliebten sich sogar in diesen Trunk, tranken und die Familien litten unter deren Trinkliebe. Wir wussten es nicht anders. Wir sind in dieser Umgebung aufgewachsen. Alle klagten über die viele Arbeit mit den Reben und mit dem Wein. A b e r, vielen ging es gut, weil es diesen Wein gab. Die Hektarerträge waren viel höher, als wenn das Dorf andere Pflanzen kultiviert hätte. Das Ausgeizen der Reben war doch wie ein Streicheln der Reben. Fürsorge für die Reben. Wir waren doch so auf die Gesundheit der Reben, ja der Reben, bedacht, dass wir sogar im Lehm bei nassem Boden die Reben spritzten. Quasi als Rebenärzte und Rebenkrankenschwestern. Mit der Buckelspritze, voll mit Medizin, die wog wohl an die  12 – 14 kg, gefüllt, versanken manche so tief im Schlamm, dass man glaubte die Spritzer gingen auf den Knien. Als hätten wir den Reben Antibiotika verabreicht, dass sie den tückischen Rebenkrankheiten widerstanden.

Ja unsere Landsleute, die richtigen nämlich, die dort noch geboren wurden, gehen. Sie kommen nicht wieder. Das mit der Auferstehung gilt doch nicht mehr, denn, würden alle wieder auferstehen, dann gäbe es nur noch Stehplätze. Als die Bibelschreiber die Idee mit der schönen Auferstehung kultivierten, lebten vielleicht 200 Mio. Menschen. Es gab Platz. Und heute leben … so viele Menschen, dass bald die Lebenden nur noch Stehplätze bekommen. Ja, und wenn wir gehen, machen wir Platz. Wir, also die in Marienfeld Geborenen, müssen uns nicht sorgen uns eventuell noch an Stehplätze gewöhnen zu müssen. Und es war doch unerheblich, ob wir zuerst gingen, die Liebhaber dieser Reben, danach die Reben. Es hätte auch umgekehrt sein können. Wären wir vor den Reben ins Ewige gegangen, dann wären die Reben uns gefolgt. Aus Gram, aus Trauer. Wir verließen die Reben, sie verübten keinen Selbstmord, so zähe Reben hatten wir hinterlassen. Man musste den Reben wenig nachhelfen, dass sie gingen. Die mit dem Dorf Beschenkten halfen nach. Die Reben zu tilgen. Für immer. Die Reben und die Marienfelder, und diese untereinander, mochten sich gegenseitig, halfen einander und verstanden sich. Und die gelungene Integration hier in unserer neuen Heimat ist so gelungen, dass wir glücklich darüber sein können. Hätte man das Dorf von dort an einen einzigen Ort, hier in der neuen Heimat, verpflanzt, wäre die Integration Muster für andere Neubürger gewesen. Aber, wir hätten vielleicht ohne Wein und ohne Reben weiterhin einander gemocht. So mühen wir uns über die Erinnerung eine Fernbeziehung aufrecht zu erhalten.

Herzliche Grüße Euch beiden,                Erich







 
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