Die Grenze - Banater-Marienfelder-Erinnerungen

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Die Grenze


Die Grenze


Die Teilung des Banats wurde am 4. Juni 1920 mit dem Friedensvertrag von Trianon besiegelt und Marienfeld war plötzlich, von den Marienfelder nicht gewollt, ein Grenzdorf. Vor dem aufteilen des Banats hatten die Marienfelder Landwirte, Flurstücke von Nachbargemeinden gepachtet oder gekauft die jetzt in  Serbien lagen. Dass   mittlerweile eine Staatsgrenze da war, hatte bis zum zweiten Weltkrieg schon viel Ärger und Schaden gebracht: die Marienfelder bearbeiteten „Ihre"  Felder in Serbien und die Serben fuhren die Ernte von diesen jetzt auch „Ihren" Felder ein. Die rumänischen Behörden kassierten auch weiterhin Steuern von den Marienfeldern mit Feldern in Serbien. Es gab ja ein Gerücht – wer nicht zahlt verliert alle Rechte an den jetzt serbischen Felder weil wenn das mal richtig und gerecht geregelt wird bekommt jeder das zurück was ihm gehört und wenn er die Steuer bezahlt hat. Eine solche Regelung hat es aber bis heute nicht gegeben. Undurchlässig war die Grenze aber nicht. Man konnte hinüber und wieder zurück gehen, z.B. zu Verwandten. Grenzsoldaten gab es auch das war aber so eine Sache mit der sich die Marienfelder arrangierten. Schmuggeln mit Salz, Petroleum u.a. lohnte sich, man kannte sich  eben, die Grenzer und Schmuggler. Einer der schweren Schläge die damals die Marienfelder traf war sicherlich der Verlust des Zuganges zum Groß-Kikindaer Markt. Deutsche bürgerliche  Familien (Bohn, Draxler, Büchelbauer, Krümmer, Pentz, Kastory, Riesenfelder, Kiszlinger u.a.) sind hier Industrielle amerikanischen Formats. Die Belieferung des Groß-Kikindaer Marktes mit Aprikosen lag fest in der Hand der Marienfelder und war ein lukratives Geschäft mit den zu versorgenden Arbeitskräften der aufblühenden Industrialisierung in Groß-Kikinda. Damit die ganze Sache auch richtig rund wird wurde die Bahnlinie von Szegedin über Marienfeld nach Groß-Kikinda abgebaut. Damit war die schon gut eingespielte logistische Infrastruktur Marienfelds nicht nur aus den Angeln gehoben, sie war vernichtet. Marienfeld war ab jetzt nicht nur ein Grenzdorf, Marienfeld wird bis heute die Rolle eines Dorfes übernehmen müssen das am Rande, eines Landes, umgeben fast bis zum Dorfrand von Grenzen, in einem Länderdreieck liegt. Die noch naheliegende zugängliche größere Ortschaft Großsanktnikolaus hat für Marienfeld nie, Groß-Kikinda und Szegedin, ersetzen können. Ganz zu schweigen zu dem guten Zugang nach Budapest oder gar Wien, den die Marienfelder gerne und oft wegen Schulen, Medizinischer Versorgung, Einkäufe oder nur für einen Theaterbesuch benutzten, war passe. Der Ersatz dafür - Temeswar – war und ist auch heute noch von Marienfeld aus sehr umständlich erreichbar.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Deutschen in Jugoslawien, welche die nicht rechtzeitig geflüchtet waren, fast alle von den „ Tito-Partisanen" bestialisch ermordet oder in Vernichtungslagern verschleppt wo die meisten dann elendig starben. Das gekaufte/gepachtete Feld von den Marienfeldern über der Grenze war endgültig verloren. Die Staatsgrenze wurde strenger bewacht. In Rumänien wurden die Deutschen auch enteignet, entrechtet, nach Russland für 5 Jahren in Arbeitslagen deportiert. Viele Deutsche und zahlreiche „unzuverlässige Personen" anderer Ethnien, wurden 1951 in die Baragansteppe verschleppt. Die Rumäniendeutschen wurden aber nicht systematisch ermordet wie in Jugoslawien oder vertrieben wie in Ungarn, Polen oder der Tschechoslowakei. In Jugoslawien und Rumänien waren nach dem zweiten Weltkrieg die Kommunisten an der Regierung. Jugoslawien mit dem Staatsführer Tito war gleich nach Ende des II. WK. pro Stalin ,  aber während des zweiten Weltkrieges haben sich die Verbindungen gefestigt, da Stalin (Ab 1927 war Stalin uneingeschränkter Alleinherrscher in der Sowjetunion), den Partisanenkampf gegen die Deutschen massiv unterstützt hat. Bei der zweite von insgesamt drei alliierten Gipfeltreffen der „Großen Drei"  alliierten  Staatschefs,  Franklin D. Roosevelt  ( USA ),  Winston Churchill  ( Vereinigtes Königreich ) und  Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili -  Stalin  ( UdSSR ) im auf der  Krim  gelegenen Badeort  Jalta , vom 4. bis zum 11. Februar 1945, wurde die Welt neu aufgeteilt. Jugoslawien wie auch Rumänien kamen in den Machtbereich Stalins. Sich darauf beziehend verlangte Stalin nach dem Krieg von Tito eine enge ideologische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und unter deren absoluten Herrschaft. Das wollte Josip Broz –Tito (langjähriger, 1945-1980, diktatorischer Staatschef Jugoslawiens), nicht akzeptieren, er wollte sich von der stalinistischen Doktrin befreien, sich dem Westen, (Amerikaner), zuwenden, von denen er sich mehr Vorteile erhoffte. Tito beharrte auf dem Prinzip der Gleichberechtigung der zusammengeschlossenen Kommunistischen Parteien im Kominform (Abkürzung für Kommunistisches Informationsbüro), von 1947 bis 1956 ein überstaatliches Bündnis von zehn verschiedener kommunistischer Parteien, dominiert von der  KPdSU  unter  Josef Stalin  Dieses Verhalten von Tito war nicht im Sinne,  des Kommunistischen Diktators Stalin Am 28. Juni 1948 beschloss daraufhin eine Kominform-Konferenz auf sowjetischen Vorschlag den Ausschluss der jugoslawischen  Kommunisten . Für Stalin war ab diesem Beschluss,  Tito mit Jugoslawien, ein Verräter und ein Kapitalist. Das war, nach Stalin, das schlimmste mögliche Vergehen. Jugoslawien war damit als Verräterland des Kommunismus eingestuft und sollte dementsprechend von den kommunistischen Ländern behandelt werden. Obwohl sich die beiden Länder, mit ihren Diktatoren und Parteien, mit einem repressiven System, im Wesentlichen nicht unterschieden, kam es zu massiven Spannungen, bis man sich gegenseitig als Bedrohung und Feind betrachtete.
Von all diesen Geschehnissen war Marienfeld unerwartet höchstens 6 km entfernt von der nächsten Ortschaft auf der anderen Seite der Grenze! Als noch harmlos haben viele Marienfelde in Erinnerung das am nahesten Punkt zur Grenze (1020 m) auf der  Landstraße zwischen Marienfeld und Albrechtsflor auf beiden Seiten metergroße Tafeln errichtet wurden mit Karikaturen der Diktatoren der anderen Seite. Auf der rumänischen Karikatur war Tito in einer Uniform zu sehen mit einem blutigen Beil in der Hand und der Spruch: „Tito trădătorul care şi-a văndut poporul“ (in etwa: „Tito der Verräter der sein Volk verkauft hat"). Wir Kinder, sind da öfters zum nachschauen gewesen, obwohl strengstens von den Eltern verboten, ob es neue Einschusslöcher von über der Grenze aus gibt. Es gab welche. In den Zeitungen waren täglich Karikaturen mit „Tito". Gewöhnlich mit einem grinsenden Gesicht in der Hand ein blutiges Hackbeil. Im Prinzip war das schon die Wahrheit, den "Tito" gehört auch zu den Kriegsverbrecher der seine Partisanen die Befehle erteilte, die deutsche Zivilbevölkerung und diejenige aus seiner eigenen Bevölkerung, die nicht seine Politik teilten zu ermorden. Das hatte alles nichts mit Verteidigung seines Landes, während der Besatzung durch die Wehrmacht  im Kriege zu tun. Es war Völkermord wie bei „Stalin".
Rumänien hat einen Grenzabschnitt, mit Jugoslawien, von ca. 546 Km. Von denen sind 290 Km durch die Donau, eine natürliche Grenze und 256 km, grüne Grenze. In dieser, um 1948, politischen Lage, waren bis dann zwei befreundete kommunistische Staaten, über Nacht zu Feinde geworden. Es entstanden Verteidigungspläne und ein massiver  Aufbau von Verteidigungsanlagen an der rumänisch–jugoslawische Grenze. Auf der Jugoslawischen Seite hat man keinen so großen Aufwand betrieben. 1947 gab es zwischen Rumänien und Jugoslawien heftige Spannungen. Wegen der Nähe zur Grenze wird Marienfeld ein gefährliches Sperrgebiet. Die Truppe der Grenzsoldaten in Marienfeld ist auf Bataillonsstärke gestiegen und hat 12 km der Grenze zu bewachen. Zahlreiche Todesopfer (in 10 Jahre 6 Opfer) unter der Marienfelder Zivilbevölkerung sind zu beklagen, die außerdem viele Schikanen der Militärs zu ertragen hat.
Es ist ja bekannt dass in einem diktatorischen, repressiven Land die Stacheldrahtproduktion immer voll ausgelastet ist und ihr Plansoll stets erfüllt. Denn auch in dieser politischen Lage, war der Bedarf für Stacheldraht, über Nacht, sehr groß geworden. Ich kann mich noch gut erinnern obwohl ich damals noch ein Kind war, dass über Nacht am Marienfelder Bahnhof, der war in unserer Nachbarschaft, viele Waggons mit Stacheldraht, Holzpfähle und anderes Material für Stacheldrahtzäune ankamen. Die Grenze zu Jugoslawien wurde durch einen hohen Zaun  mit Stacheldraht, dicht gemacht.
Vor dem Zaun aus Stacheldraht, auf der rumänischen Seite also, wurde die Erde auf einem breiten Streifen, von etwa 6 m Breite, umgepflügt, fein zerkleinert und sorgfältig glatt aber locker geharkt. Dies um  Fußspuren von einem Grenzgänger gut zu erkennen. Vor diesem Streifen gab es noch einen ebenfalls etwa 6 m breiten Streifen in dem Minen vergraben waren. Dieser Streifen war mit hohem Unkraut überwuchert und tödlich.     Getarnte Schützengräber für die Grenzer und Hunde wurden angelegt und nahe über dem Boden gab es immer wieder Stacheldrahthindernisse oder Stolperdrähte der Minen. Landeinwärts wurde eine Sicherheitszone, bis ca. 50 km vor der Grenze, errichtet. Diese Zone war Tag und Nacht unter der Kontrolle des Grenzschutzes, der aus Grenzsoldaten, Geheimdienst, Miliz, Partei und einem dichten „Spitzelapparat" aus Zivilisten, bestand. An der Einfahrt zum Dorf, an der Landstraße oder am Bahnhof, gab es immer Kontrollposten. Nur noch die Vögel konnten frei herumfliegen, das Wild auf dem Felde, nicht mehr. Da krachte es immer wieder auf dem Minenstreifen und über den Stacheldrahtzaun konnten Hasen und Rehen die Grenze auch nicht überschreiten. Die aufwendige Instandhaltung des geharkten Grenzstreifens oblag ohne Entlohnung Marienfelder Landwirten die noch über Pferd und Wagen verfügten. Bei den Arbeiten wurden diese Landwirte quasi  auf den Fersen von einem schwerbewaffneten Grenzsoldaten bewacht. Trotzdem gab es tödliche Unfälle unter den Landwirten durch die Minen.
Um die Lage der Marienfelder an der nach allen militärischen Regeln gesicherten lebensgefährlichen Grenze mit Jugoslawien in den Anfangsjahren des Kalten Krieges ansatzweise zu verstehen ist unbedingt, besonders für die heutige junge Generation,   ein kurzer Überblick über den sog. „III. WK. STALINS" dienlich. Im Kreml, in Moskau, weit weg von Marienfeld, machte sich Stalin eigentlich keine Sorgen um die Nöte der Marienfelder, um die dort in Richtung Jugoslawien aufgestellte Tafel mit einer Tito-Karikatur. Tito hatte Stalin vom mächtigsten Diktator der Welt zu einem Taugenichts,  vor der ganzen Welt, gemacht. Tito wurde von Stalin zum Rebellen erklärt. Den Rebellen, heute würde man Terrorist sagen, musste Stalin bestrafen. Dazu gab Stalin Befehle für diesen III. WK. Aus, aber mit einer Ergänzung: Wenn es schon nach Westen ging dann sollen auch die Amerikaner gleich mit in den Atlantik gejagt werden. Stalin hatte tatsächlich die besseren Karten in der Hand. Im Kontext des kalten Krieges tobten im Osten seines Riesenreiches blutige Stellvertreterkriege (Indochinakrieg 1946-1954 gefolgt vom Vietnamkrieg 1955-1975; Koreakrieg 1950-1953) in denen die USA mit ihren Verbündeten sehr damit beschäftigt war eine Niederlage nach der anderen zu bereinigen die ihr von den Koreaner, den Vietnamesen und deren Helfer China und die Sowjet-Union zufügten. Über 44.000 Menschen, bezeichnet als „unsichere Elemente" wurden in Rumänien in die Baragansteppe deportiert (18.06.1951), um die militärischen Aktionen nicht zu stören. In der Dobrogea wurde das Projekt „Kanal" gestartet. Im Volksmund hieß dieses Projekt, nicht zu Unrecht: „Grab der rumänischen Intellektuellen". Alle Würdenträger aus Politik und Wirtschaft ab 1920 in Rumänien kamen ins Gefängnis nach Sighet, üblicherweise verlies kein Gefangener dieses Gefängnis lebend. Zu diesen Verfolgten gehörten auch die höchsten Geistlichen Vertreter der Katholischen Kirche. Der bis ins Einzelne von der Sowjetischen Generalität ausgearbeitete  Angriffsplan lautete: Ungarische Grenztruppen stürmen in der Nähe Österreichs und überschreiten die Drava, erreichen die Sava und besetzen Liubliana in Kroatien. Die Rumänische Armee hatte mit zwei Formationen anzugreifen: Zusammen mit einer Ungarischen Formation Angriff aus dem Banat  bis zum Eisernen Tor an der Donau. Die zweite Formation zusammen mit einer Bulgarischen Formation sollte aus Oltenien heraus in Richtung Nisch angreifen. Um die linke Flanke dieser gewaltigen Aktion zu schützen begannen am 1 Juni 1950, unter dem Kommando von General Afanasiev am Schwarzen Meer, der Donau entlang, In Oltenien und Banat Arbeiten an Befestigungsanlagen. Um es kurz zu machen: die Kosten musste Rumänien schultern,  die Arbeitskräfte Rumänien stellen. Anfang März 1951 wurden auf Druck aus Moskau die Befestigungsanlagen im Banat erweitert und es begann die Errichtung mehrerer betonierter  Flugplätze in der Nähe von Buziasch. 1951 wurden zum Flankenschutz an der Schwarzmeerküste 50.000 Soldaten der Roten Armee  in der Dobrogea stationiert. Ebenfalls 1951 kamen die Russen mit streng geheimen Plänen in der Tasche um in der Nähe von Buziasch betonierte Startrampen für ballistische Raketen zu errichten. Brücken auf der Strecke von Ungheni nach Temeswar wurden für eine Last von 50 t verstärkt um den Transport dieser Raketen zu ermöglichen. Laut Befehl der obersten Militärführung sollten alle diese Arbeiten im Juni 1953 fertig gestellt sein. Noch im Januar 1953 hat Stalin seinen nächsten Mitarbeiter erklärt – profitieren wir von der Schwäche der USA und erledigen wir unsere Probleme in Europa.
Die Lage war ernst. Sehr ernst. Heute steht viel in den Geschichtsbüchern über die kritische Lage der USA im Kalten Krieg während der sog. Kuba Krise. Über den III. WK. Stalins redet man nicht, obschon tausende unschuldige Menschen einen grausamen  Tod im III. WK. erlitten.
Nach einem Saufgelage über die ganze Nacht, starb Stalin am 1. März 1953. Eine Erlösung für viele Menschen auch in Marienfeld. Am 17. Juli 1953 wurden die Arbeiten am „Kanal" eingestellt. Die Leiter der Arbeiten an den Befestigungen, bei denen viele Menschen starben, wurden als Saboteure verurteilt aber später begnadigt und freigelassen.
Wir Kinder fanden das mit den vielen Soldaten lustig und interessant. Es war mal was anderes, wir konnten das Ganze nicht richtig einschätzen und beurteilen. In Marienfeld gab es keine serbische Einwohner, aber in den umliegenden Dörfern, mit überwiegend serbischen Einwohnern, gab es auf einmal den Begriff „Titoisten". Wer als solcher beschuldigt wurde, war sich einige Jahren als politischer Häftling sicher oder wurden 1951 für einige Jahren in die Baragan-Steppe deportiert.
Für diesen großen, aufwendigen, militärischen Überwachungsapparat und Grenzschutz, waren ja Offizieren und Soldaten notwendig. Man hat schleunigst in einige großen geräumige, ehemalige Bauernhäuser, hauptsächlich in der Mittelgasse die strategisch günstig lagen, Kasernen eingerichtet. Aber auch ein außerhalb des Dorfes (Anwesen der Fam. Hinterseher),  nahe am Bahnhof und an einer Straße die an die Grenze führt, wurde zur Kaserne umfunktioniert.  Dies hat das gewohnte Dorfbild, das sowieso wegen Kriegsfolgen verändert war, noch weiter weg gerückt von dem Begriff ‚vertraute Heimat‘. Es waren die fremde Menschen die nach der Flucht unsere Häuser besetzt hatten, dann diese viele Soldaten und Offiziere, das strenge Grenzschutzgesetz die alles gewohnte zerstörten. Man fühlte sich wie ein Vogel in einem Käfig. Die meisten Offiziere wurden in Privathäuser einquartiert. Es waren alles junge Männer von der Volksarmee, mit wenig Schule und Erfahrung, aber begeistert und loyal der neuen Parteiführung.
Abends ab 18 Uhr durfte man nicht mehr in der Nähe der Grenze sein. Tagsüber konnte man unter ständiger Beobachtung auf dem Felde oder im Weingarten arbeiten. Dafür waren ja die Wachtürme und andere Beobachtungsposten. Ein Ereignis habe ich noch in Erinnerung das mich als Kind besonders beschäftigt hat. In Marienfeld waren ja auch Flüchtlinge aus Bessarabien. Sie kamen in der Zeit als die Marienfelder geflüchtet waren, in unserem Dorf an. Es waren anständige Leute die auch nur von der „Roten Armee" geflohen waren. Übrigens wurden diese Menschen bei der „Baragan Aktion", auch deportiert. Die Grenzsoldaten hatten Schießbefehl wenn jemand ab 18 Uhr zu nahe an der Grenze war. So auch dieser Mann, ein Bessarabier bei der Arbeit. Er war kurz an der Dorfgrenze, um 18 Uhr, als er auf zwei Grenzsoldaten traf. Die meinten dann zu ihm es sei schon spät, sie wollen ihn begleiten damit ihm nichts passiert, aber sie müssen noch etwas kontrollieren gehen er sollte ruhig mit ihnen zurückkehren, es dauert ja nicht lange. Als sie dann näher an der Grenze waren, haben sie ihn erschossen. Der Mann blieb liegen, aber er war nicht tot. Die Grenzsoldaten waren der Meinung dass er tot sei. Der Mann hörte noch mit, wie sich die beiden absprachen, dass ‚er wollte ja über die Grenze laufen‘ und die Bemerkung: „So jetzt bekommen wir endlich 2 Wochen Urlaub", jetzt gehen wir zum Kommandant und melden  das wir einen Grenzüberläufer erschossen haben. Als sie weggingen konnte sich dieser angeschossene Mann mit letzter Kraft bis in das Dorf schleppen und seiner Frau berichten was passiert ist. Der Mann ist danach verstorben. Zu Bedenken ist auch dass der Militärdienst bei dem Grenzer unbeliebt, hart und sehr lange (3 Jahre) war. Urlaub gab es selten, sehr wahrscheinlich auch so beabsichtigt  An dieser über 500 km langen Grenze, ob an der Donau oder an Land sind viele tragische Ereignisse, durch die Willkür der Grenzsoldaten und Offiziere, passiert die nie geahndet wurden.  Es ist legitim das ein Land seine Grenzen und Hoheitsgebiet schützt vor unerlaubtem verlassen oder eindringen in das Staatsgebiet. Das macht kein Unterschied was für eine Regierung das jeweilige Land hat. Zur Bewachung seiner Staatsgrenze benötigt man Grenzsoldaten und Zollbeamte. Aber es ist nicht legitim und auch gegen die Menschenrechte, wenn man diese unbewaffnete Menschen beim Versuch die Grenzen zu überschreiten dann festnimmt und verhaftet, um sie zu  f oltern, verstümmeln, gefesselt und wehrlos auf den Boden wirft und die Hunde auf sie hetzt, bis das die Beine zerfleischt sind, ihnen Rippen und Knochen brecht u.a.m. All dies ist auch vor den entsetzten Augen der Marienfelder mit Marienfelder geschehen. Das hat man damit gerechtfertigt diese Leute hätten sich gewehrt und sind selber schuld. Zu all dem kam auch noch der Schussbefehl. Wie viele Tote es an dieser Grenze gab bleibt wahrscheinlich ein Geheimnis. Mit all diesen schrecklichen Handlungen, wollte man die Bevölkerung einschüchtern und abschrecken.
Die Frage bleibt aber offen, warum wollten diese Menschen, aller Nationalitäten, das Land verlassen? Und riskierten ihre Gesundheit und ihr Leben um diese Land zu verlassen. Die Antwort lautet: Weil man auf  legalem Weg dieses kommunistische Paradies nicht verlassen konnte. Erst viel später, ab 1970 bis 1989, begann Rumänien Juden und Deutsche zu verkaufen und für die das Los dafür gezogen wurde und das Geld bezahlt wurde bekamen einen Pass und durften, oft nach vielen Schikanen, lebendig über die Grenze, in die Freiheit. Oftmals war dieses Ereignis  für die Betroffenen wie ein irreales Wunder.
Mit der weiteren Befestigung der Rumänisch-Jugoslawischen Grenze ab 1948 kamen auch immer mehr Offiziere und Grenzsoldaten nach Marienfeld. Darunter gab es auch verheiratete Offiziere mit Kindern. Diese wurden alle in leer stehende Häuser und Wohnungen einquartiert. Die Soldaten wie oben erwähnt, in große geräumige ehemalige Bauernhäuser. Unter all den Offizieren gab es, wie in jedem Betrieb, welche mit denen man reden konnte andere waren arrogant und abweisend. Die Marienfelder Rumänen hatten es diesbezüglich leichter. Wahrscheinlich hatte man die neuen Ankömmlinge auch vorher belehrt das in diesem Dorf böse Deutsche wohnen. Die verheirateten, deren Frauen,  waren eher bekannt mit den Nachbarinnen, oder Bekannte vom Einkauf und Wochenmarkt. Es waren Offiziere aus ganz Rumänien, Moldau, Oltenien, Regat, Maramuresch u.s.w.
Nun möchte ich einiges erzählen was ich persönlich als „Teenies" 10-12 Jahren miterlebt habe. Als Kind hat man sich ja bald an den Trubel mit den vielen Grenzsoldaten gewöhnt. Die kamen immer sonntags in Kolonne ins Kino, sangen auf der Straße, das war für uns eine interessante Abwechslung. Der Kommandant war ein Moldovener, aus meiner Erinnerung ein korrekter Mensch. Was seine Offiziere und Unteroffizieren anstellten konnte er nicht alles wissen. Er wohnte auch in der Mittelgasse, gegenüber der Kaserne, mit seiner Frau und ihrem 4-5 jährigem Sohn. Die Frau des Kommandanten, wurde durch Zufall mit meiner Tante bekannt, die zur damaligen Zeit an der Wirbelsäule operiert war, und mit dem Oberkörper in einem Gipsverband stak. Ein wenig gehen und stehen konnte aber meine Tante. Die Frau K. (Kommandant), war auch aus der Moldova, wie ihr Mann. Sie hat meine Tante angesprochen ob sie nicht als auf ihren  Kleinen Bub aufpassen möchte. Obwohl meine Tante ganz wenig Rumänisch verstand hat sie doch zugestimmt. Die Frau K. hat den Jungen zu uns gebracht und da war er auch mal für ein paar Stunden. War ein lieber Junge. Ich musste auch öfters mal auf ihn aufpassen. Heute sagt man dazu „Babysitter". Hat auch ein paar Worte deutsch, von der Tante und mir, gelernt. Die Frau K. war eine intelligente liebe Frau hatte keine Vorurteile gegen die Deutschen. Da ja immer wieder Offiziere auf der Durchreise von Marienfeld waren, hat sich der Kdt. (Kommandant) überlegt dass es sinnvoll wäre eine Offiziersküche zu installieren. Es fehlte nur noch eine Köchin. Frau K. hat  meine Tante darüber angesprochen, ob sie nicht die Köchin sein möchte. Weil sie ja nicht mehr so jung und fit ist, wird ein Soldat als Küchenhilfe zur Verfügung gestellt. Meistens waren 10-15 Offiziere und manchmal nur 5-6 zu verköstigen. Die Küche wurde installiert gegenüber der Kaserne und neben dem Kdt. seinem Quartier, in einem Bauernhaus, dem Brandl Otto sein Haus, der ja zur selben Zeit mit seiner Familie in die Baragan Steppe verschleppt war. Die installierte Küche war nun die „Popota" und meine Tante die „Babuschka". Wie schon erwähnt war ja das Quartier vom Kdt., im Nachbarhaus der Offizierküche, dadurch waren wir mit der Frau K. ziemlich gut bekannt. Der Kdt. war wenig zuhause, war fast Tag und Nacht auf Kontrolle an der Grenze. Bekanntlich sind ja die Rumänen ein gläubiges Volk mit Traditionen und jahrhundertalten Bräuche. Als nun die Weihnachtszeit kam, hat die Frau K. sich ein Tannenbaum gekauft, aufgestellt für den Heiligabend, nach ihrer Tradition, geschmückt. Da es die erste Weihnachten mit ihrem Mann in Marienfeld war, hat sie sich besonders bemüht mit dem Baumschmücken. Für den Heiligabend
, hatte sie auch die traditionellen „Sarmaluţe“ (Sauerkrautruladen), zubereitet und natürlich das Weihnachtliche Gebäck nach moldauischer Tradition. Als eine junge Ehefrau konnte sie es kaum erwarten, dass ihr Ehemann nachhause kommt und dass sie ihn überrascht. Es kam aber alles anders als bei einer frohen  Überraschung. Als er nachhause kam und den geschmückten Tannenbaum erblickte mit den brennenden Kerzen, seinen Sohn mit strahlenden Augen und dem Duft der „Sarmaluţe" wahrnahm, ging ein Donnerwetter los. „Ob sie nicht weiß wer er ist und was für eine Funktion er hat?". „Wie kann er vor seinen Offizieren stehen wenn die erfahren dass er Weihnachten feiert! Das ist strikt verboten für einen Offizier der Volksarmee! „Was denken sich die anderen Offiziersfrauen wenn sie das erfahren?" Also er hat "Sie" wie man so sagt, fertig gemacht. Sie sagte noch unter Tränen ich wollte dir doch nur eine Freude machen so wie wir es immer zuhause in der Moldau bei deiner Mutter gemacht haben. Sie hat den geschmückten Baum bis zum Silvesterabend dann versteckt, dass ihn niemand sieht. Das hat sie alles meiner Tante erzählt. Nun es verging  wieder ein Jahr und auch die Weihnachtszeit war wieder da. Sie hatte was gelernt und aus Erfahrung wird man klug. Der Kdt. kam von seiner Grenzkontrolle müde und erschöpft, an Heiligabend nachhause. Es war kein Weihnachtsbaum geschmückt und zum Essen hat ihm seine Frau  Schafskäse mit Mamaliga (Palukes) serviert. Seine Frau und ihr Sohn am anderen Ende des Tisches haben sich die traditionelle „Sarmaluțe" mit Sauerrahm und Weihnachtsgebäck nach moldauischer Art, gegönnt. Er hat nur groß geguckt und meint, „Liebling bekomme ich den keine „Sarmaluțe"  und wo ist denn der Weihnachtsbaum?". „Nein du bekommst keine, für dich ist erst an Silvesterabend, Weihnachten. Für mich und meinen Sohn ist aber heute Abend, „Heiligabend". „Der Herr ist geboren". Seit dieser Weihnachten hat er niemals mehr seiner Frau Vorschriften gemacht, wie und was sie zu Weihnachten kochen solle und wann der Weihnachtsbaum geschmückt wird. An solchen Begebenheiten erkennt man dass der Mensch seinen Glauben im Herzen trägt.
Nach dem Tode von „Stalin" 1953, hat sich die Beziehung Rumänien-Jugoslawien verbessert und es dauerte nicht mehr lange bis sich die Bruderparteien in die Arme fielen. Die befestigte Grenze zu Jugoslawien war nun ohne Nutzen und wurde eiligst abmontiert, die Schützengräber zugeschüttet und es türmte sich ein Berg von Stacheldraht neben dem Bahnhof. Bis der abtransportiert wurde, vergingen noch Jahre. Der größte Teil der Grenzsoldaten und Offizieren wurden abgezogen. Die Überwachung der Grenze bestand weiter bis zum Ende der Kommunistischen Diktatur mit der Revolution 1989. Es gab keinen Nachbarfeind mehr, aber das Leben der Menschen unter dieser Diktatur wurde unerträglich. Da es bis zu der Revolution keine legale Möglichkeit bestand, das Land zu verlassen, gab es nur eine Variante, den Weg in die Freiheit, über die Donau oder grüne Grenze.  Es gab unzählige geglückte Versuche, über Jugoslawien, in die Freiheit zu gelangen, aber auch viele missglückte Versuche, die mit langjährigen Freiheitsstrafen, mit Misshandlungen, oder mit dem Tode endeten. Die Flucht aus dem kommunistischen Rumänien waren für immer mehr Menschen, eine Perspektive für die Zukunft. Die Zahl der Grenzflüchtlinge bis zur Revolution 1989, stieg ständig, dementsprechend wurden wieder die Grenzkontrollen verstärkt, aber ohne Stacheldrahtzaun.
Die Grenze, Rumänien-Jugoslawien in den Jahren 1945-1989, war eine Grenze mit viel Blut, Schmerz und Leid. Hoffen wir dass es für immer vorbei ist.


Friedhelm Krisch                                                 Karlsruhe 30.12.2014


 
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